Wasserstoffwirtschaft anschieben.
Das Land Brandenburg setzt auf ein Energiesystem mit Wasserstoff und passt seine Wasserstoffstrategie an veränderte Rahmenbedingungen an.
Sollte Wasserstoff wirklich der Champagner der Energiewende sein, wie manche meinen, dann verhält sich Deutschland noch ziemlich abstinent. Die Wasserstoffwirtschaft kommt nicht so schnell ins Laufen wie vor Jahren erdacht. Vom erwarteten „Wasserstoffhochlauf“ könne man derzeit kaum sprechen, stellte im Juni der Nationale Wasserstoffrat (NWR) fest, der die Bundesregierung berät.
Angebot und Nachfrage entwickeln sich langsamer als erwartet. Im Juni waren nach Erhebungen der Deutschen Energie-Agentur (dena) erst 193 Megawatt Elektrolysekapazität zur Produktion grünen Wasserstoffs in Betrieb, 1.200 Megawatt im Bau.
Vom geplanten deutschen Wasserstoffkernnetz für den Transport des grünen Gases sind seit Ende 2025 immerhin die ersten 400 Kilometer Pipeline betriebsbereit. Die Netzbetreiber meldeten im Frühjahr zahlreiche Reservierungsanfragen, die zeigten, dass Unternehmen auf eine leistungsfähige Transportinfrastruktur setzen.
Weniger Erzeugung und Bedarf als erwartet.
Den bundesweiten Wasserstoffbedarf für die frühen 2030er Jahre prognostiziert der NWR aktuell auf lediglich 94 bis 115 Milliarden Kilowattstunden per anno. Das ist weniger als 2023 erwartet; damals war man im Bundeswirtschaftsministerium davon ausgegangen, dass bereits 2030 jährlich 95 bis 130 Milliarden Kilowattstunden Wasserstoff benötigt werden. Verbraucht wurden 2023 etwa 55 Milliarden Kilowattstunden.
Auch in Brandenburg bleibt die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft bislang hinter den Erwartungen zurück. So hat der Stahlhersteller Arcelor Mittal im vergangenen Jahr vorgesehene Investitionen in eine wasserstoffgestützte Dekarbonisierung des Stahlwerks Eisenhüttenstadt zurückgestellt und auf Fördergeld vom Bund verzichtet. Die Rahmenbedingungen hätten sich nicht in die erhoffte Richtung entwickelt, begründet das Unternehmen die Entscheidung. Damit ist ein potenziell großer Wasserstoffabnehmer erst einmal weggefallen.
Das zuständige Ministerium für Wirtschaft, Energie, Klimaschutz und Europa (MWEKE) in Potsdam hat auf die Flaute bereits reagiert.„Das Land Brandenburg schreibt derzeit seine Wasserstoffstrategie fort“, bestätigte im Juli eine Sprecherin des MWEKE. Aktuell würden die Ergebnisse eines umfangreichen Stakeholder-Beteiligungsprozesses ausgewertet.Die Überarbeitung der Strategie werde größtenteils noch in diesem Jahr abgeschlossen; die Veröffentlichung sei für 2027 geplant. Brandenburg hatte sich bereits 2021 frühzeitig mit einer eigenen Wasserstoffstrategie positioniert.
Strategie folgt veränderten Rahmenbedingungen.
Das Ministerium begründet die Überarbeitung auch mit den seither veränderten Rahmenbedingungen, denen Rechnung zu tragen sei. Das betreffe unter anderem Entscheidungen auf Bundesebene zu den Energie- und Wirtschaftssektoren, in denen Wasserstoff vorrangig eingesetzt werden sollte, und zum Wasserstoffkernnetz, das bundesweit Regionen definiere,die früher an die Wasserstoffwirtschaft angeschlossen werden als andere.
Die Hoffnungen auf eine künftig florierende Wasserstoffwirtschaft sind auch in Brandenburg weiterhin groß. Das Land sieht sich wegen seiner üppig verfügbaren erneuerbaren Strommengen für die Erzeugung auf der einen und einem potenziell hohen Wasserstoffbedarf in der Industrie auf der anderen Seite als künftig bedeutender Wasserstoff-Standort.
Das MWEKE verweist zudem auf wichtige Vorarbeiten wie den deutschlandweit einzigen digitalen Wasserstoffmarktplatz Berlin-Brandenburg, der bereits aktiv genutzt werde. Als Erfolg verbucht man im Ministerium auch das Projekt Heidekrautbahn. Auf der Nahverkehrsverbindung von Berlin ins nördliche Umland verkehren Wasserstoffzüge, die zeigten, wie grüner Wasserstoff erfolgreich im Mobilitätssektor eingesetzt wird.
Brandenburg fördert Wasserstoffanlagen
Des Weiteren habe Brandenburg eine eigene Förderrichtlinie für Energiespeicher und Wasserstoffanlagen veröffentlicht, die sehr gut nachgefragt werde und engagiere sich aktiv für die Umsetzung großer Industrieprojekte im Land.
Die überarbeitete Wasserstoffstrategie soll ein klares Zielbild für Brandenburg und einen Maßnahmenkatalog formulieren. Ein wichtiger Punkt wird die künftig nötige Wasserstoffinfrastruktur sein. Forderungen nach besserer Anbindung der Lausitz und auch Berlins an das Wasserstoffkernnetz stehen auf der Agenda. Diskutiert wird auch über eine Standortstrategie für Elektrolyseure. Regionale Energieversorger halten es zudem für sinnvoll, darauf hinzuwirken, erhebliche Mengen abgeregelten Windstroms, beispielsweise in der Prignitz, konsequenter für die Produktion von Wasserstoff zu nutzen. Neben der Erschließung inländischer Erzeugungspotenziale solle die Landesregierung zudem die Voraussetzungen für den Aufbau signifikanter Wasserstoffimporte schaffen.